IT-Beschaffung

SAP S/4HANA Migration: Strategie, Risiken und realistische Zeitpläne

Der Countdown läuft: SAP ECC Wartungsende 2027. Was IT-Leiter über Greenfield, Brownfield und die versteckten Kosten wissen müssen.

CIO-Wissen Redaktion· 2026-03-26 ·4 Min.

SAP beendet die Mainstream-Wartung für ECC 6.0 Ende 2027. Verlängerte Wartung ist möglich, aber teuer — und löst das Kernproblem nicht: Ein System, das nicht mehr weiterentwickelt wird, wird zum strategischen Risiko. Laut DSAG-Investitionsreport haben viele Mittelständler die Migration noch nicht begonnen. Wer jetzt startet, hat wenig Zeitpuffer — aber immer noch genug, wenn die Strategie stimmt.

Greenfield, Brownfield oder Bluefield?

Die erste strategische Entscheidung bestimmt Kosten, Zeitrahmen und Risiko der gesamten Migration:

  • Greenfield (Neuimplementierung): Kompletter Neuaufbau auf S/4HANA. Chance, Prozesse zu optimieren und technische Schulden zu eliminieren. Dauer: 18–36 Monate. Höchste Kosten, aber auch höchster Transformationswert
  • Brownfield (Systemkonvertierung): Technische Migration des bestehenden Systems. Daten und Customizing bleiben erhalten. Dauer: 12–18 Monate. Geringere Kosten, aber Sie migrieren auch Ihre Altlasten
  • Bluefield (Selective Data Transition): Hybridansatz — neues System aufsetzen, aber ausgewählte Daten und Konfigurationen übernehmen. Bietet Flexibilität, ist aber komplex in der Planung

Für die meisten Mittelständler ist Brownfield der pragmatischste Weg — sofern das bestehende System nicht fundamentale Architekturprobleme hat.

Der realistische Zeitplan

Unterschätzen Sie den Aufwand nicht. Ein typischer Brownfield-Migrationszeitplan:

  • Monate 1–3: Readiness Check, Systemanalyse, Custom-Code-Bereinigung (oft tausende Programme, die angepasst werden müssen)
  • Monate 4–6: Sandbox-Konvertierung, Funktionstest, Performance-Baseline erstellen
  • Monate 7–9: Entwicklungs- und Qualitätssystem konvertieren, Integrationstests mit angebundenen Systemen
  • Monate 10–12: Produktivkonvertierung planen, Cutover-Rehearsal, Endanwender-Schulung
  • Go-Live + 3 Monate: Hypercare-Phase, Stabilisierung, Performance-Tuning

Kritischer Pfad: Die Custom-Code-Bereinigung. DSAG-Erfahrungswerte zeigen, dass Unternehmen durchschnittlich 30–50% ihres Custom-Codes vor der Migration anpassen oder stilllegen müssen.

Die teuerste SAP-Migration ist die, die Sie zweimal machen müssen. Investieren Sie in die Analyse-Phase — jeder Tag, den Sie hier sparen, kostet Sie eine Woche in der Nacharbeit.

Die fünf größten Risikofaktoren

Aus hunderten dokumentierten S/4HANA-Migrationen kristallisieren sich wiederkehrende Probleme heraus:

  • Custom Code: Proprietäre Eigenentwicklungen, die auf veralteten SAP-Technologien basieren und nicht S/4HANA-kompatibel sind. Lösung: Frühzeitig den Custom Code Analyzer einsetzen
  • Datenqualität: Inkonsistente Stammdaten blockieren die Migration. Kunden mit drei verschiedenen Schreibweisen, verwaiste Materialstämme — all das muss vorher bereinigt werden
  • Drittanbieter-Add-ons: Nicht alle Partner haben ihre Add-ons für S/4HANA freigegeben. Prüfen Sie die Kompatibilität frühzeitig und planen Sie Alternativen
  • Unterschätzte Testaufwände: Integrationstests mit EDI-Partnern, Banken, Logistikdienstleistern dauern länger als geplant. Planen Sie doppelt so viel Testzeit ein wie geschätzt
  • Change Management: Die neue Fiori-Oberfläche verändert die tägliche Arbeit grundlegend. Ohne Schulung und Begleitung sinkt die Produktivität nach Go-Live für Wochen

RISE with SAP oder eigenes Hosting?

SAP drängt Kunden in Richtung RISE with SAP — ein Cloud-Gesamtpaket. Die Entscheidung verdient sorgfältige Analyse:

Für RISE spricht:

  • Vereinfachtes Betriebsmodell — SAP übernimmt Basis-Betrieb und Updates
  • Zugang zu SAP Business Technology Platform und KI-Features
  • Planbare Kosten durch Subskriptionsmodell

Dagegen spricht:

  • Starker Vendor Lock-in — Migration weg von RISE ist aufwendig
  • Laufende Kosten oft höher als On-Premise oder selbstverwaltete Cloud
  • Weniger Flexibilität bei Customizing und Erweiterungen
  • Datensouveränität: Wo liegen Ihre Daten? Welche Hyperscaler nutzt SAP?

Für den Mittelstand gilt: Prüfen Sie RISE ergebnisoffen, aber unterschreiben Sie nichts ohne eine detaillierte TCO-Rechnung über mindestens fünf Jahre — inklusive der Kosten für den Fall, dass Sie wieder weg wollen.

Was das für Ihre IT-Strategie bedeutet

  1. Führen Sie jetzt den SAP Readiness Check durch — er ist kostenlos und zeigt den Umfang der notwendigen Anpassungen
  2. Starten Sie die Custom-Code-Bereinigung sofort — sie ist der längste Einzelposten und kann parallel zur Tagesarbeit laufen
  3. Planen Sie realistische Budgets: Orientierungswert für Brownfield im Mittelstand liegt bei 500.000 bis 2 Millionen Euro — je nach Komplexität und Systemlandschaft
  4. Klären Sie die Hosting-Frage (On-Premise, eigene Cloud, RISE) mit einer 5-Jahres-TCO-Analyse
  5. Beginnen Sie jetzt mit dem Change Management — Fiori-Schulungen, Prozessdokumentation und Key-User-Programme brauchen Vorlauf