SAP beendet die Mainstream-Wartung für ECC 6.0 Ende 2027[1]. Verlängerte Wartung ist bis 2030 möglich, allerdings zu einem Aufpreis von 2 % auf die jährliche Wartungsgebühr[1] — und sie löst das Kernproblem nicht: Ein System, das nicht mehr weiterentwickelt wird, wird zum strategischen Risiko. Laut DSAG-Investitionsreport 2024 haben rund 40 % der DSAG-Mitglieder die Migration zu S/4HANA noch nicht produktiv abgeschlossen[2]. Wer jetzt startet, hat wenig Zeitpuffer — aber immer noch genug, wenn die Strategie stimmt.

Greenfield, Brownfield oder Bluefield?

Die Voranalyse trennt Muss-Migration, Prozesschance und technische Altlasten voneinander.
Abbildung 1: Die Voranalyse trennt Muss-Migration, Prozesschance und technische Altlasten voneinander.

Die erste strategische Entscheidung bestimmt Kosten, Zeitrahmen und Risiko der gesamten Migration[3]:

  • Greenfield (Neuimplementierung): Kompletter Neuaufbau auf S/4HANA. Chance, Prozesse zu optimieren und technische Schulden zu eliminieren. Dauer: 18–36 Monate. Höchste Kosten, aber auch höchster Transformationswert
  • Brownfield (Systemkonvertierung): Technische Migration des bestehenden Systems. Daten und Customizing bleiben erhalten. Dauer: 12–18 Monate. Geringere Kosten, aber Sie migrieren auch Ihre Altlasten
  • Bluefield (Selective Data Transition): Hybridansatz — neues System aufsetzen, aber ausgewählte Daten und Konfigurationen übernehmen. Bietet Flexibilität, ist aber komplex in der Planung. SNP (ehemals All for One) hat diesen Ansatz unter dem Begriff "CrystalBridge" etabliert[4]

Für die meisten Mittelständler ist Brownfield der pragmatischste Weg — sofern das bestehende System nicht fundamentale Architekturprobleme hat. Gartner empfiehlt, die Wahl des Migrationsansatzes an den Grad der gewünschten Prozessoptimierung zu koppeln[3].

Der realistische Zeitplan

Der Migrationspfad entscheidet, wie stark S/4HANA zur Transformation statt zum Technikprojekt wird.
Abbildung 2: Der Migrationspfad entscheidet, wie stark S/4HANA zur Transformation statt zum Technikprojekt wird.

Unterschätzen Sie den Aufwand nicht. Ein typischer Brownfield-Migrationszeitplan[5]:

  • Monate 1–3: Readiness Check, Systemanalyse, Custom-Code-Bereinigung (oft tausende Programme, die angepasst werden müssen)
  • Monate 4–6: Sandbox-Konvertierung, Funktionstest, Performance-Baseline erstellen
  • Monate 7–9: Entwicklungs- und Qualitätssystem konvertieren, Integrationstests mit angebundenen Systemen
  • Monate 10–12: Produktivkonvertierung planen, Cutover-Rehearsal, Endanwender-Schulung
  • Go-Live + 3 Monate: Hypercare-Phase, Stabilisierung, Performance-Tuning

Kritischer Pfad: Die Custom-Code-Bereinigung. Laut DSAG-Erfahrungsberichten müssen Unternehmen durchschnittlich 30–50 % ihres Custom-Codes vor der Migration anpassen oder stilllegen[2]. SAP stellt dafür den Custom Code Analyzer und das Tool "SAP Readiness Check" kostenfrei zur Verfügung[6].

Die teuerste SAP-Migration ist die, die Sie zweimal machen müssen. Investieren Sie in die Analyse-Phase — jeder Tag, den Sie hier sparen, kostet Sie eine Woche in der Nacharbeit.

Die fünf größten Risikofaktoren

Risiken entstehen dort, wo Datenqualität, Integrationen und Prozessänderungen zusammenlaufen.
Abbildung 3: Risiken entstehen dort, wo Datenqualität, Integrationen und Prozessänderungen zusammenlaufen.

Aus hunderten dokumentierten S/4HANA-Migrationen kristallisieren sich wiederkehrende Probleme heraus[5]:

  • Custom Code: Proprietäre Eigenentwicklungen, die auf veralteten SAP-Technologien basieren und nicht S/4HANA-kompatibel sind. Lösung: Frühzeitig den Custom Code Analyzer einsetzen[6]
  • Datenqualität: Inkonsistente Stammdaten blockieren die Migration. Kunden mit drei verschiedenen Schreibweisen, verwaiste Materialstämme — all das muss vorher bereinigt werden
  • Drittanbieter-Add-ons: Nicht alle Partner haben ihre Add-ons für S/4HANA freigegeben. Prüfen Sie die Kompatibilität frühzeitig und planen Sie Alternativen
  • Unterschätzte Testaufwände: Integrationstests mit EDI-Partnern, Banken, Logistikdienstleistern dauern länger als geplant. Planen Sie doppelt so viel Testzeit ein wie geschätzt
  • Change Management: Die neue Fiori-Oberfläche verändert die tägliche Arbeit grundlegend. Ohne Schulung und Begleitung sinkt die Produktivität nach Go-Live laut einer Gartner-Analyse um bis zu 20 % in den ersten Wochen[3]

RISE with SAP oder eigenes Hosting?

Change Management bestimmt, ob neue SAP-Prozesse im Alltag wirklich angenommen werden.
Abbildung 4: Change Management bestimmt, ob neue SAP-Prozesse im Alltag wirklich angenommen werden.

SAP drängt Kunden in Richtung RISE with SAP — ein Cloud-Gesamtpaket[7]. Die Entscheidung verdient sorgfältige Analyse:

Für RISE spricht:

  • Vereinfachtes Betriebsmodell — SAP übernimmt Basis-Betrieb und Updates
  • Zugang zu SAP Business Technology Platform und KI-Features
  • Planbare Kosten durch Subskriptionsmodell

Dagegen spricht:

  • Starker Vendor Lock-in — Migration weg von RISE ist aufwendig
  • Laufende Kosten oft höher als On-Premise oder selbstverwaltete Cloud. Laut DSAG-Umfragen berichten Mitglieder von Kostensteigerungen von 20–30 % gegenüber bisherigen On-Premise-Modellen[2]
  • Weniger Flexibilität bei Customizing und Erweiterungen
  • Datensouveränität: Wo liegen Ihre Daten? Welche Hyperscaler nutzt SAP?[8]

Für den Mittelstand gilt: Prüfen Sie RISE ergebnisoffen, aber unterschreiben Sie nichts ohne eine detaillierte TCO-Rechnung über mindestens fünf Jahre — inklusive der Kosten für den Fall, dass Sie wieder weg wollen.

Was das für Ihre IT-Strategie bedeutet

  1. Führen Sie jetzt den SAP Readiness Check durch[6] — er ist kostenlos und zeigt den Umfang der notwendigen Anpassungen
  2. Starten Sie die Custom-Code-Bereinigung sofort — sie ist der längste Einzelposten und kann parallel zur Tagesarbeit laufen
  3. Planen Sie realistische Budgets: Orientierungswert für Brownfield im Mittelstand liegt bei 500.000 bis 2 Millionen Euro[5] — je nach Komplexität und Systemlandschaft
  4. Klären Sie die Hosting-Frage (On-Premise, eigene Cloud, RISE) mit einer 5-Jahres-TCO-Analyse
  5. Beginnen Sie jetzt mit dem Change Management — Fiori-Schulungen, Prozessdokumentation und Key-User-Programme brauchen Vorlauf

Quellen und Referenzen

  1. SAP SE: "SAP ERP (SAP ECC 6.0) Maintenance Strategy and Timeline", SAP Note 1648480 / SAP Maintenance Roadmap, 2024. https://support.sap.com/en/release-upgrade-maintenance.html
  2. DSAG (Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe): "DSAG-Investitionsreport 2024", DSAG, 2024. https://www.dsag.de/presse/
  3. Gartner: "Moving to SAP S/4HANA — Key Decisions for ERP Leaders", Gartner Research, 2024.
  4. SNP SE: "CrystalBridge Data Transition Platform — Selective Data Migration for SAP", SNP SE, 2024. https://www.snpgroup.com
  5. PAC (Pierre Audoin Consultants) / Lünendonk: "SAP S/4HANA-Transformation im Mittelstand — Status quo und Erfolgsfaktoren", Lünendonk-Studie, 2024. https://www.luenendonk.de
  6. SAP SE: "SAP Readiness Check for S/4HANA", SAP, 2024. https://www.sap.com/products/erp/s4hana/readiness-check.html
  7. SAP SE: "RISE with SAP — Cloud ERP Solution", SAP, 2024. https://www.sap.com/products/erp/rise.html
  8. Bitkom: "Positionspapier Datensouveränität und Cloud-Nutzung", Bitkom, 2023. https://www.bitkom.org