SAP beendet die Mainstream-Wartung für ECC 6.0 Ende 2027[1]. Verlängerte Wartung ist bis 2030 möglich, allerdings zu einem Aufpreis von 2 % auf die jährliche Wartungsgebühr[1] — und sie löst das Kernproblem nicht: Ein System, das nicht mehr weiterentwickelt wird, wird zum strategischen Risiko. Laut DSAG-Investitionsreport 2026 betreiben noch 54 % der Mitgliedsunternehmen SAP ECC oder ältere Business-Suite-Releases (2024: 68 %) — und nur 37 % der ECC-Bestandskunden planen den Umstieg bis zum Wartungsende 2027, fast die Hälfte peilt erst 2030 an[2]. Bis Ende 2027 bleiben damit noch knapp anderthalb Jahre: Wer jetzt startet, hat wenig Zeitpuffer — aber immer noch genug, wenn die Strategie stimmt.

Greenfield, Brownfield oder Bluefield?

Greenfield, Brownfield oder Bluefield: Der Migrationsansatz bestimmt Kosten, Dauer und Transformationswert.
Abbildung 1: Greenfield, Brownfield oder Bluefield: Der Migrationsansatz bestimmt Kosten, Dauer und Transformationswert.

Die erste strategische Entscheidung bestimmt Kosten, Zeitrahmen und Risiko der gesamten Migration[3]:

  • Greenfield (Neuimplementierung): Kompletter Neuaufbau auf S/4HANA. Chance, Prozesse zu optimieren und technische Schulden zu eliminieren. Dauer: 18–36 Monate. Höchste Kosten, aber auch höchster Transformationswert
  • Brownfield (Systemkonvertierung): Technische Migration des bestehenden Systems. Daten und Customizing bleiben erhalten. Dauer: 12–18 Monate. Geringere Kosten, aber Sie migrieren auch Ihre Altlasten
  • Bluefield (Selective Data Transition): Hybridansatz — neues System aufsetzen, aber ausgewählte Daten und Konfigurationen übernehmen. Bietet Flexibilität, ist aber komplex in der Planung. SNP hat diesen Ansatz unter dem Begriff "CrystalBridge" etabliert[4]

Für die meisten Mittelständler ist Brownfield der pragmatischste Weg — sofern das bestehende System nicht fundamentale Architekturprobleme hat. Gartner empfiehlt, die Wahl des Migrationsansatzes an den Grad der gewünschten Prozessoptimierung zu koppeln[3].

Der realistische Zeitplan

Ein realistischer Migrationszeitplan staffelt Analyse, Tests und Cutover über mindestens zwölf Monate.
Abbildung 2: Ein realistischer Migrationszeitplan staffelt Analyse, Tests und Cutover über mindestens zwölf Monate.

Unterschätzen Sie den Aufwand nicht. Ein typischer Brownfield-Migrationszeitplan[5]:

  • Monate 1–3: Readiness Check, Systemanalyse, Custom-Code-Bereinigung (oft tausende Programme, die angepasst werden müssen)
  • Monate 4–6: Sandbox-Konvertierung, Funktionstest, Performance-Baseline erstellen
  • Monate 7–9: Entwicklungs- und Qualitätssystem konvertieren, Integrationstests mit angebundenen Systemen
  • Monate 10–12: Produktivkonvertierung planen, Cutover-Rehearsal, Endanwender-Schulung
  • Go-Live + 3 Monate: Hypercare-Phase, Stabilisierung, Performance-Tuning

Kritischer Pfad: Die Custom-Code-Bereinigung. Erfahrungsberichte aus Migrationsprojekten zeigen, dass Unternehmen einen erheblichen Teil ihres Custom-Codes vor der Migration anpassen oder stilllegen müssen — oft betrifft das tausende Eigenentwicklungen. SAP stellt dafür den Custom Code Analyzer und das Tool "SAP Readiness Check" kostenfrei zur Verfügung[6].

Die teuerste SAP-Migration ist die, die Sie zweimal machen müssen. Investieren Sie in die Analyse-Phase — jeder Tag, den Sie hier sparen, kostet Sie eine Woche in der Nacharbeit.

Die fünf größten Risikofaktoren

Custom Code und Stammdatenqualität sind die häufigsten Engpässe einer S/4HANA-Migration.
Abbildung 3: Custom Code und Stammdatenqualität sind die häufigsten Engpässe einer S/4HANA-Migration.

Aus hunderten dokumentierten S/4HANA-Migrationen kristallisieren sich wiederkehrende Probleme heraus[5]:

  • Custom Code: Proprietäre Eigenentwicklungen, die auf veralteten SAP-Technologien basieren und nicht S/4HANA-kompatibel sind. Lösung: Frühzeitig den Custom Code Analyzer einsetzen[6]
  • Datenqualität: Inkonsistente Stammdaten blockieren die Migration. Kunden mit drei verschiedenen Schreibweisen, verwaiste Materialstämme — all das muss vorher bereinigt werden
  • Drittanbieter-Add-ons: Nicht alle Partner haben ihre Add-ons für S/4HANA freigegeben. Prüfen Sie die Kompatibilität frühzeitig und planen Sie Alternativen
  • Unterschätzte Testaufwände: Integrationstests mit EDI-Partnern, Banken, Logistikdienstleistern dauern länger als geplant. Planen Sie doppelt so viel Testzeit ein wie geschätzt
  • Change Management: Die neue Fiori-Oberfläche verändert die tägliche Arbeit grundlegend. Ohne Schulung und Begleitung sinkt die Produktivität nach Go-Live in den ersten Wochen spürbar

RISE with SAP oder eigenes Hosting?

Die Hosting-Entscheidung verlangt eine Fünf-Jahres-TCO-Rechnung inklusive Exit-Kosten.
Abbildung 4: Die Hosting-Entscheidung verlangt eine Fünf-Jahres-TCO-Rechnung inklusive Exit-Kosten.

SAP drängt Kunden in Richtung RISE with SAP — ein Cloud-Gesamtpaket[7]. Die Entscheidung verdient sorgfältige Analyse:

Für RISE spricht:

  • Vereinfachtes Betriebsmodell — SAP übernimmt Basis-Betrieb und Updates
  • Zugang zu SAP Business Technology Platform und KI-Features
  • Planbare Kosten durch Subskriptionsmodell

Dagegen spricht:

  • Starker Vendor Lock-in — Migration weg von RISE ist aufwendig
  • Laufende Kosten oft höher als On-Premise oder selbstverwaltete Cloud: Viele Anwenderunternehmen berichten von teils deutlichen Mehrkosten gegenüber bisherigen On-Premise-Modellen
  • Weniger Flexibilität bei Customizing und Erweiterungen
  • Datensouveränität: Wo liegen Ihre Daten? Welche Hyperscaler nutzt SAP?[8]

Für den Mittelstand gilt: Prüfen Sie RISE ergebnisoffen, aber unterschreiben Sie nichts ohne eine detaillierte TCO-Rechnung über mindestens fünf Jahre — inklusive der Kosten für den Fall, dass Sie wieder weg wollen.

Was das für Ihre IT-Strategie bedeutet

  1. Führen Sie jetzt den SAP Readiness Check durch[6] — er ist kostenlos und zeigt den Umfang der notwendigen Anpassungen
  2. Starten Sie die Custom-Code-Bereinigung sofort — sie ist der längste Einzelposten und kann parallel zur Tagesarbeit laufen
  3. Planen Sie realistische Budgets: Orientierungswert für Brownfield im Mittelstand liegt bei 500.000 bis 2 Millionen Euro[5] — je nach Komplexität und Systemlandschaft
  4. Klären Sie die Hosting-Frage (On-Premise, eigene Cloud, RISE) mit einer 5-Jahres-TCO-Analyse
  5. Beginnen Sie jetzt mit dem Change Management — Fiori-Schulungen, Prozessdokumentation und Key-User-Programme brauchen Vorlauf

Quellen und Referenzen

  1. SAP SE: "SAP ERP (SAP ECC 6.0) Maintenance Strategy and Timeline", SAP Note 1648480 / SAP Maintenance Roadmap, 2024. https://support.sap.com/en/release-upgrade-maintenance.html
  2. DSAG (Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe): "DSAG-Investitionsreport 2026", DSAG, Februar 2026. https://impulsant.dsag.de/formate/pressemeldung/dsag-investitionsreport-2026-unternehmen-investieren-gezielter-ki-etabliert-sich-cloud-auf-dem-prufstand/
  3. Gartner: "Moving to SAP S/4HANA — Key Decisions for ERP Leaders", Gartner Research, 2024.
  4. SNP SE: "CrystalBridge Data Transition Platform — Selective Data Migration for SAP", SNP SE, 2024. https://www.snpgroup.com
  5. PAC (Pierre Audoin Consultants) / Lünendonk: "SAP S/4HANA-Transformation im Mittelstand — Status quo und Erfolgsfaktoren", Lünendonk-Studie, 2024. https://www.luenendonk.de
  6. SAP SE: "SAP Readiness Check for S/4HANA", SAP, 2024. https://www.sap.com/products/erp/s4hana/readiness-check.html
  7. SAP SE: "RISE with SAP — Cloud ERP Solution", SAP, 2024. https://www.sap.com/products/erp/rise.html
  8. Bitkom: "Positionspapier Datensouveränität und Cloud-Nutzung", Bitkom, 2023. https://www.bitkom.org