IT-Beschaffung

Build vs. Buy 2026: Eigenentwicklung oder Standardsoftware?

Die alte Frage in neuem Kontext — Composable Architecture, API-First und Low-Code verschieben die Grenzen. Ein Entscheidungsrahmen für IT-Leiter, die weder in die Vendor-Lock-in-Falle noch in die Eigenentwicklungs-Sackgasse laufen wollen.

CIO-Wissen Redaktion· 2026-03-28 ·5 Min.

Build vs. Buy ist die wohl älteste Entscheidung in der Unternehmens-IT — und sie war noch nie so komplex wie heute. Die Argumente haben sich verschoben: Auf der Buy-Seite locken SaaS-Plattformen mit schneller Implementierung und kontinuierlicher Innovation. Auf der Build-Seite ermöglichen Low-Code-Plattformen, Cloud-native Frameworks und KI-gestützte Entwicklung Eigenentwicklungen in einem Bruchteil der bisherigen Zeit und Kosten.

Laut McKinsey entscheiden sich 60 Prozent der Unternehmen bei der ersten Analyse für "Buy" — und 40 Prozent davon bereuen diese Entscheidung innerhalb von drei Jahren, weil die Standardsoftware die spezifischen Prozessanforderungen nicht abbilden kann.[1] Umgekehrt scheitern nach Forrester-Daten 35 Prozent aller Eigenentwicklungsprojekte an Budgetüberschreitungen oder verfehlten Anforderungen.[2]

Die Lösung liegt nicht in einer pauschalen Antwort, sondern in einem strukturierten Entscheidungsrahmen, der die spezifischen Gegebenheiten Ihres Unternehmens berücksichtigt. Und zunehmend liegt die Antwort auch nicht mehr in einem strikten Entweder-Oder, sondern in einer Composable Architecture, die beide Ansätze intelligent kombiniert.

Der Entscheidungsrahmen

Eine fundierte Build-vs-Buy-Entscheidung basiert auf fünf Dimensionen:

1. Strategische Differenzierung: Ist die Anwendung ein Wettbewerbsvorteil? Wenn ja, spricht vieles für Build. Laut Gartner sollten Unternehmen nur in Software investieren, die ihre Kernkompetenz direkt unterstützt — alles andere ist ein Kandidat für Standardsoftware.[3]

2. Prozesspassung: Wie stark weichen Ihre Prozesse vom Marktstandard ab? Wenn eine Standardsoftware 80 Prozent Ihrer Anforderungen abdeckt, sind die restlichen 20 Prozent oft günstiger durch Prozessanpassung als durch Eigenentwicklung zu lösen.

3. Total Cost of Ownership: Berücksichtigen Sie nicht nur Entwicklungs- oder Lizenzkosten, sondern den gesamten Lebenszyklus: Wartung, Updates, Sicherheitspatches, Infrastruktur, Personal. Forrester TEI-Studien zeigen, dass die Wartungskosten einer Eigenentwicklung über fünf Jahre typischerweise das Dreifache der initialen Entwicklungskosten betragen.[2]

4. Time-to-Market: Wie dringend ist die Lösung? Standardsoftware ist oft in Wochen produktiv, Eigenentwicklungen brauchen Monate. Aber: Eine schnell eingeführte Lösung, die nicht passt, kostet langfristig mehr.

5. Verfügbarkeit von Entwicklungskapazität: Haben Sie die internen Kompetenzen — oder müssten Sie erst ein Team aufbauen? Der IT-Fachkräftemangel macht diese Frage im deutschen Mittelstand besonders relevant.

Composable Architecture: Das Beste aus beiden Welten

Die MACH Alliance — Microservices, API-First, Cloud-Native, Headless — propagiert seit 2020 einen Architekturansatz, der die Build-vs-Buy-Dichotomie auflöst.[4] Statt sich für ein monolithisches System zu entscheiden, komponieren Sie Ihre IT-Landschaft aus spezialisierten Bausteinen:

  • Standardkomponenten für nicht-differenzierende Funktionen: ERP-Kern, E-Mail, Buchhaltung, HR-Administration
  • Eigenentwicklungen für differenzierende Funktionen: branchenspezifische Logik, kundenindividuelle Prozesse, proprietäre Algorithmen
  • API-Layer als verbindendes Element: Ein Integration Layer (iPaaS) orchestriert den Datenaustausch zwischen Standard- und Eigenentwicklungen

Gartner prognostiziert, dass bis 2027 über 60 Prozent der neuen Unternehmensanwendungen auf Composable-Prinzipien basieren werden — gegenüber weniger als 20 Prozent im Jahr 2023.[3] Der Vorteil: Sie können einzelne Bausteine austauschen, ohne die gesamte Architektur zu gefährden.

Für den Mittelstand bedeutet das konkret: Investieren Sie in eine solide API-Infrastruktur und klare Schnittstellenstandards. Dann können Sie bei jeder neuen Anforderung flexibel entscheiden, ob Sie kaufen oder bauen — ohne sich langfristig festzulegen.

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betragen laut Forrester TEI-Analysen die Wartungskosten einer Eigenentwicklung über fünf Jahre im Verhältnis zu den initialen Entwicklungskosten. Wer nur die Build-Phase kalkuliert, unterschätzt die Gesamtkosten systematisch.[2]

"The question is no longer Build or Buy — it's which components to build, which to buy, and how to compose them into a coherent architecture."

— MACH Alliance, Technology Principles 2025[4]

Build vs. Buy: Wann was?

Build empfohlen

  • Kernkompetenz und strategische Differenzierung
  • Hochspezifische Prozesse ohne Marktstandard
  • Langfristige Wettbewerbsvorteile durch proprietäre Logik
  • Ausreichende interne Entwicklungskapazität vorhanden
  • Datenhoheit und Unabhängigkeit kritisch
  • Integrationskomplexität mit Bestandssystemen zu hoch für Standardsoftware

Buy empfohlen

  • Commodity-Funktionen ohne Differenzierungspotenzial
  • Etablierte Marktstandards und Best Practices
  • Schnelle Time-to-Market erforderlich
  • Regulatorische Compliance durch Vendor sichergestellt
  • Begrenzte interne Entwicklungsressourcen
  • Kontinuierliche Innovation durch Vendor-Community gewünscht

TCO-Analyse: Die versteckten Kosten

Eine realistische Total-Cost-of-Ownership-Betrachtung muss über den offensichtlichen Lizenz- oder Entwicklungspreis hinausgehen. McKinsey identifiziert sieben Kostenkategorien, die in Build-vs-Buy-Entscheidungen regelmäßig unterschätzt werden:[1]

Bei Build: Anforderungsanalyse und Design, Entwicklung und Testing, Infrastruktur und DevOps, laufende Wartung und Bugfixes, Security-Patches und Updates, Personalfluktuation und Wissenstransfer, technische Schulden über die Lebensdauer.

Bei Buy: Lizenzkosten und jährliche Steigerungen, Implementierung und Customizing, Schulung und Change Management, Integrationskosten mit Bestandssystemen, Kosten für Prozessanpassungen an die Software, Vendor-Lock-in und Exit-Kosten, Risiko der Vendor-Insolvenz oder strategischen Neuausrichtung.

Die Forrester Total Economic Impact-Methodik empfiehlt einen Betrachtungszeitraum von fünf Jahren und die Einbeziehung von Opportunitätskosten: Was könnte Ihr Entwicklungsteam stattdessen bauen, wenn es nicht mit der Wartung einer Eigenentwicklung beschäftigt ist?[2]

Handlungsempfehlungen für IT-Entscheider

  1. Entscheidungsmatrix etablieren: Implementieren Sie einen standardisierten Bewertungsprozess mit den fünf Dimensionen (Differenzierung, Prozesspassung, TCO, Time-to-Market, Kapazität) für jede neue Softwareanforderung.

  2. TCO-Template entwickeln: Erstellen Sie eine Vorlage für die Total-Cost-of-Ownership-Analyse über fünf Jahre, die sowohl Build- als auch Buy-Szenarien mit allen versteckten Kosten abbildet.

  3. API-First-Strategie verankern: Definieren Sie Schnittstellenstandards für Ihre IT-Landschaft, damit neue Bausteine — ob gekauft oder gebaut — nahtlos integriert werden können.

  4. Composable Roadmap erstellen: Kartieren Sie Ihre aktuelle IT-Landschaft in differenzierende und nicht-differenzierende Komponenten. Planen Sie die schrittweise Migration zu einer modularen Architektur.

  5. Vendor-Exit-Strategie dokumentieren: Für jede Buy-Entscheidung definieren Sie vorab, wie ein Anbieterwechsel oder eine Migration technisch und vertraglich möglich ist.

  6. Build-Kapazität sichern: Investieren Sie in ein internes Kernteam für strategische Eigenentwicklungen und nutzen Sie externe Kapazitäten für Spitzenlasten — nicht umgekehrt.

Quellen und Referenzen

  1. McKinsey & Company (2024): "Build vs. Buy in the Age of Composable Enterprise — A Decision Framework for Technology Leaders." McKinsey Digital Report. Verfügbar unter: mckinsey.com/capabilities/mckinsey-digital

  2. Forrester Research (2025): "The Total Economic Impact of Custom Software Development vs. SaaS Adoption." Forrester TEI Study. Verfügbar unter: forrester.com/report/total-economic-impact

  3. Gartner (2025): "Predicts 2026: Composable Applications Accelerate Business Innovation." Gartner Research. Verfügbar unter: gartner.com/en/documents/composable-applications

  4. MACH Alliance (2025): "MACH Technology Principles and Certification Criteria." MACH Alliance. Verfügbar unter: machalliance.org/principles

  5. Bitkom (2025): "IT-Fachkräftemangel in Deutschland — Aktuelle Zahlen und Prognosen." Bitkom Research. Verfügbar unter: bitkom.org/fachkraeftemangel

  6. IDC (2025): "European Enterprise Application Strategies Survey 2025." IDC Research. Verfügbar unter: idc.com/research/enterprise-applications